Prairie-Saloon

Prairie Saloon

Besetzung Prairie-Saloon


Es spielen:
Jimmy
David Voormann
Claire
Kirsten Brückmann
Mrs. Pennywater
Barbara Galinski
Judy
Christine Binder
Lilli
Christina Neidenbach
Skip
Chris von Einem
Pinky
Miguel Salmeron
Sheriff G. Pearson
Peter Rautenberg
Doc
Ingo Schweizer


Regie/ Choreographie:
Christine Bossert
Musikalische Leitung/ Klavier:
Daniel Sissenich
Ausstattung:
Ulrike Reinhard
Regieassistenz:
Michael Elias Thomsen
Bühnenbau/ Regieassistenz:
Franziska Baumann
Technik:
Jan Braun
Bühnenkampf:
Dörte Jensen
Souffleuse:
Madina Mohamed


Prairie Saloon
Interview mit der Regisseurin Christine Bossert


Am 4. Mai 2012 feiert das spannende Western-Musical „Prairie Saloon“ seine Premiere im Kulturkabinett. Verführerische Bardamen und raubeinige Revolverhelden laden zu einem turbulenten Abend ein. Im Vorfeld wurde die Regisseurin Christine Bossert zum Stück befragt.


Ihre vorangegangene Produktion mit dem Theater LUNTE „Held Müller“ war vor allem inhaltlich an sozial- und gesellschaftspolitischen Themen wie Arbeitslosigkeit und Terrorismus orientiert. Warum haben Sie als Nachfolgeprojekt ausgerechnet ein Westernmusical gewählt?


Nach dem großen Erfolg mit dem Musical „Held Müller“, Lund/ Zaufke hatte das Theater Lunte große Lust sich ein erneutes Mal an ein Musical bzw. ein Schauspiel mit Musik zu wagen. Mir wiederum war es sehr wichtig, die Schauspieler mit einer anderen Herausforderung zu locken und ein ganz neues Genre aufzutun. Ich wollte gerne einen neuen Spielstil erarbeiten, neue Rollenherausforderungen bieten und nicht zuletzt, knackig verpackt, eine spannende, zwiespältige Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die Krimi-, Mafia-, Liebes- und Unterhaltungskomödie ist, garniert mit dem ein oder anderen Ausblick in unsere heutige Zeit, die erschreckender Weise nicht allzu weit vom „Wilden Westen“ entfernt ist. Das momentan kaum gespielte, aber durch Freddy Quinn in den 50- er Jahren sehr erfolgreiche und bekannte Western- Musical habe ich bei einem befreundeten Dirigenten in Leipzig kennen gelernt und mich spontan in den schrägen Humor, die bösen Typen und leichten Mädchen verliebt. Meine szenische Fantasie sprang sofort an. Die Songs sind wunderbar zwischen Schlager- Brecht/ Weill und 20- er Jahre Melancholie angesiedelt. (Musikalische Leitung: Daniel Sissenich) Diese Kombination aus Herz- Schmerz, bösem Krimi und leicht parodistischem Augenzwinkern hat mich sehr begeistert. Dazu kommt noch, dass ich seit meiner Kindheit ein großer Western Fan bin. So konnte ich natürlich nicht widerstehen, den Versuch zu unternehmen, selbst einen Western auf die Bühne zu bringen.


Wer an Western denkt, denkt zunächst einmal an Cowboy und Indianer. Gilt diese Assoziation auch für die Figuren des „Prairie Saloons“?


„Prairie Saloon“ ist keine Cowboy und Indianer Geschichte und wir vermeiden ganz bewusst auch eine solche „Cowboy und Indianer“ Verherrlichung. Doch wie in jedem guten Western finden sich auch im „Prairie- Saloon“ die bekannten Typen und Stereotypen. Es gibt den bösen Pistolenheld, den versoffenen amtsmüden Sheriff, einen zwielichtigen Doc, einen gefährlichen Barkeeper, eine Saloonbesitzerin, ein junges Mädchen auf der Suche nach Liebe, eine Amüsierdame, die schon bessere Zeiten gesehen hat und den strahlenden Helden nebst geheimnisvoller weiblicher Begleitung. Ein bunter Reigen von neun Personen, die alle ihr Geheimnis haben und auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Glück sind. Es sind stark gezeichnete Typen, die aber nicht nur eine Kontur nach außen haben sondern auch immer einen psychologischen Moment der Suche, des Zweifelns und der Hoffnung. Wir behaupten „Western“, um mit und durch dieses Genre eine Geschichte zu erzählen. Wir meinen aber nicht „Western“ und tun als ob. Das ist ein hauchdünner Unterschied, der aber wichtig für unser Verständnis der Erzählhaltung ist. Handlungsweisen der Personen sind vorgegeben und bekannt und trotzdem, oder gerade deshalb, lohnt sich ein zweiter Blick hinter die raue Fassade der Figuren. Wir sehen starke Individuen, die auf einem egoistischen und oft einsamen Weg Richtung Glück sind. Durch ihr völlig eigennütziges und egozentrisches Verhalten treten sie aber kaum in echte, lebendige und gute Beziehungen zueinander, sondern vereinsamen mehr und mehr, bis sie den Kakteen gleichen, die in rauer Umgebung blühen - einsam, stachelig, bizarr und dennoch wunderschön. Wir spielen mit den Versatzstücken des bekannten Genres, ohne aber uns um Indianer, Pferde, Postkutschen oder ähnliches zu bemühen. Das ganze ähnelt eher einem düsteren Westernkrimi, mit einer ordentlichen Portion Sex, Hoffnung und vor allem wundervoller Musik, die ihre ganz eigene Geschichte erzählt.


Nach Wikipedia gilt der Western als Kino-Genre, in dessen Mittelpunkt der zentrale US-amerikanische Mythos der Eroberung des wilden Westens der Vereinigten Staaten im neunzehnten Jahrhundert steht. Gilt diese Aussage auch für das Musical „Prairie Saloon?


Zuerst einmal ist der „Prairie- Saloon“ eine Hommage an Sergio Leone, Ennio Morricone und andere berühmte Western Vor- und Weiterdenker. Auf die Moderne übertragen finden sich genrespezifische Elemente wie Anleihen und Zitate in Filmen von Quentin Tarantino oder den Coen Brüdern, ebenso aber auch in Comics à la „Lucky Luke“. Der „Prairie- Saloon“ ist für mich, in meiner Lesart, ein wundervoller Bilderbogen einer vergangenen Epoche, ebenso, wie ein mahnendes Ebenbild unserer kalten, egoistischen und profitorientierten Zeiten. Der Saloon zeigt einsame Glücksritter auf dem Weg zu Freiheit und Glück. Indem ich als Zuschauer lache und mich amüsiere, registriert das Unterbewusstsein die lauernde Gefahr, den Krimi, die aussichtslose Suche nach Glück und Hoffnung. Aber eben mit einem Augenzwinkern, einer kräftigen Prise bösem Humor und wundervollen Songs.


Die Größe des Kulturkabinetts entspricht räumlich gesehen einer Studiobühne. Bei einem Westernmusical assoziiert man in der Maße mehr die Karl May Festspiele in Bad Segeberg. Kann man das Genre Western auf einer im Format begrenzten Bühne einfangen?


Einen Western auf die Bühne zu bringen hat seinen ganz eigenen Reiz. Das Genre „Western“ verbindet man zuerst mit Kino, mit großen Filmen. Aber bei genauerem Hinsehen erweist sich ein Western als wunderbarer Stoff für die Bühne. Klare, starke Typen, die für Schauspieler gut zu gestalten und spielen sind. Starke Ensembleszenen. Atmosphärisch dichte Szenen die fast schon an psychologisches Kammerspiel erinnern und von den Schauspielern eine sehr behutsame Sprechweise und eigene Technik erfordern. Das zu trainieren ist hilfreich und eröffnet weitere Möglichkeiten für die zukünftige Arbeit. Die klaren und kleinen Nuancen des Spiels machen den Reiz aus. Ein Blick, eine Handbewegung , eine schnelle Reaktion die im Western über Leben und Tod entscheidet. Diese Feinheiten kommen gerade auf der studioartigen Bühne des Kulturkabinetts gut zum Tragen. Das Bühnenbild, liebevoll von Ulrike Reinhard gestaltet, ist extra für diese Bühne konzipiert und unterstützt so das klare, feine, geheimnisvolle Spiel. Solche schauspielerischen Feinheiten gingen auf größeren Bühnen oder gar Freileichttheatern verloren. Da der „Prairie- Saloon“ in meiner Fassung speziell für die Bühne des Kulturkabinetts angelegt ist, nutzen wir die „Kleinheit“ des Raumes und sehen darin eben Stärke und nicht Begrenzung. Jedes Konzept denkt den Raum, in dem es spielt, mit, also wird der „Prairie- Saloon“ im KKT nichts vermissen lassen. Obwohl, oder gerade weil ich theatral denken muss und mich nicht durch geschickte Schnitttechnik durch manche Schießerei „mogeln“ kann, muss ich nach einer adäquaten Lösung für die Bühne suchen, mit Theatermitteln arbeiten und mich voll und ganz auf die Stärken des Theaters verlassen. Nur dann kann ich einen überzeugenden Bühnenwestern zeigen.


Das Theater LUNTE besteht bereits als Gruppe 19 Jahre. Sie besteht überwiegend aus außerberuflichen Darstellern. Dennoch ist ein Musical ein enormer Aufwand für eine Freizeitaktivität. Wie läuft so ein Probenprozess ab?


Die Theatergruppe Lunte hat ihren festen Probentermin wöchentlich am Mittwochabend rund 3 Stunden. Mitte September 2011 haben die Proben zum „Prairie- Saloon“ begonnen. Da die Lunte parallel das Musical „Held Müller“ im Kulturkabinett (KKT) und auf Gastspielbühnen wie dem Wilhelma Theater oder dem Theaterhaus spielte, mussten natürlich gleichzeitig und regelmäßig sogenannte Wiederaufnahmeproben stattfinden. Daher gab es in den Faschingsferien eine intensive Probenwoche für die neue Produktion. Eine weitere intensive, vierzehntägige Probenphase wird es nach Ostern geben, sowie tägliche Endproben in der letzten Woche vor der Premiere am 4.5.2012. Da es sich beim „Prairie-Saloon“ ja um ein Musical handelt, kann nicht nur szenisch geprobt werden, sondern muss eben auch musikalisch und choreographisch gearbeitet werden. Dazu kommen noch Extraproben für die Messer- und Pistolentricks, Schlägereien und andere gefährliche Saloonaktivitäten. Alles in allem sammeln sich schnell 150 bis 200 Probenstunden zusammen, bis solch ein Musical bühnenreif ist und qualitativen, künstlerischen Ansprüchen gerecht werden kann. In der Regel wird im Anschluss eine ganze Saison lang gespielt, nicht nur ein paar Termine. Einige der Darsteller nehmen sich zeitweise Urlaubstage in ihren Jobs, um proben zu können. Theater und Musical ist im Fall des Theater LUNTE deutlich mehr als ein Hobby: Es ist eine Passion.


Western sind wie Abenteuerromane beliebt bei Kindern und Jugendlichen. Ist das Stück auch für Jugendliche oder Schulklassen geeignet?


Für Schulklassen lohnt es sich meines Erachtens sehr, sich mit einem Western auseinander zu setzen. Werden hier doch Themen genannt und angespielt, die jedem Jugendlichen auf die ein oder andere Weise begegnen: Fremd sein, Gruppenzwang, Gewalt, Suche nach Liebe, Suche nach der eigenen Individualität, Machtspiele innerhalb der Gesellschaft, Korruption, politisch korrektes Handeln—Moral…um nur einige zu nennen. Durch die Musik und die nahe Atmosphäre lassen sich diese Themen leichter an Jugendliche transportieren. Die Empfehlung liegt allerdings bei Jugendlichen ab 14 Jahre.


Ein paar Worte zum Theater LUNTE?


Die LUNTE arbeitet seit 1993 zusammen. Sie wurde von Amateurschauspielern/-innen gegründet, die sich auf einem Volkshochschulkurs kennen gelernt hatten. Die Leiterin des damaligen Schauspielkurses, Christine Embert, hat die LUNTE lange Jahre geleitet, ehe sie aus beruflichen Gründen aus Stuttgart weg zog. Anschließend suchte sich die Gruppe immer wieder professionelle Regisseurinnen und Regisseure. Die Zusammensetzung des Ensembles hat in den Jahren stark gewechselt. Mittlerweile agieren bei ihr unter anderem auch ausgebildete Schauspieler/ -innen. Seit Ende der 90er Jahre spielt die Gruppe bereits im KKT. Mittlerweile hat das Theater Lunte 13 Produktionen erarbeitet, „I love you, you’re perfect, now change“ wurde sogar über mehrere Jahre hinweg immer wieder neu aufgenommen und gespielt.


Abschließend: Ein paar Worte zur Regisseurin?


Nach „Held Müller“ (März 2010) ist der „Prairie- Saloon“ die zweite Arbeit mit dem Theater Lunte. Ich bin ist freischaffende Regisseurin. Nach dem Schauspielstudium in München hatte ich Engagements als Schauspielerin unter anderem in München, Esslingen, Berlin und Kassel. Mit der Gründung eigener Gruppen und der Hinwendung zum Musiktheater folgte der nächste Schritt zu Regieassistenzen und Spielleitungen an der Oper, unter anderem in Stuttgart, Konstanz und Nordhausen. Nach ersten eigenen Inszenierungen in Esslingen, Berlin und München lebe ich zurzeit in Stuttgart und arbeite sowohl hier als auch in vielen anderen Städten.


Interview mit Christine Bossert, März 2012